Projekt A 2.1.3
Langzeitverhalten der Hochwasserabflüsse
in Baden-Württemberg und Bayern
Kurzfassung der Projektergebnisse
(Stand: 1998)
In jüngster Vergangenheit traten in
verschiedenen Flussgebieten Süddeutschlands außergewöhnliche
Hochwasserereignisse auf, die erhebliche Schäden hervorgerufen haben.
Diese Vorkommnisse haben insbesondere in der Öffentlichkeit Diskussionen
ausgelöst, ob diese Hochwasser als Naturereignisse im Bereich der
natürlichen Schwankungen des Klimageschehens liegen oder ob sie als erste
Auswirkungen einer bereits im Gang befindlichen Veränderung des Klimas zu
betrachten sind. In diesen Diskussionen fehlen bisher jedoch weitgehend
die Ergebnisse der statistischen Auswertungen der vorliegenden
vieljährigen Beobachtungsdaten, also der objektiven hydrologischen Zahlen
und Fakten.
Um dieses Defizit zu beseitigen, wurde im Rahmen des
Kooperationsvorhabens KLIWA ("Klimaveränderung und Konsequenzen für
die Wasserwirtschaft") für den Bereich der Bundesländer
Baden-Württemberg und Bayern das Langzeitverhalten der an Pegeln
beobachteten jährlichen Höchstabflüsse untersucht und bewertet. Dabei
kamen statistische Verfahren, auf die sich die Kooperationspartner
(Baden-Württemberg, Bayern, Deutscher Wetterdienst) geeinigt haben, zur
Anwendung. Ergänzende Analysen sind vorgesehen. Dabei soll eine
jahreszeitliche Betrachtung in Zusammenschau mit dem
Niederschlagsgeschehen erfolgen. Zusätzlich ist vorgesehen, neue
Methoden, mit denen die in den vorliegenden Zeitreihen vermuteten
Langzeitkorrelationen ermittelt und bewertet werden können, einzusetzen,
sobald diese Methoden, deren Entwicklung von KLIWA initiiert wurde,
anwendungsreif sind.
Die Untersuchung des Langzeitverhaltens mit den gängigen
"klassischen" Verfahren erstreckte sich primär auf die
Ermittlung eventuell vorhandener linearer Trends in den Zeitreihen der
jährlichen Höchstabflüsse. Den Trenduntersuchungen lagen die
jährlichen Höchstwerte des Abflusses an 107 Pegeln zugrunde - 39
Pegel aus Baden-Württemberg und 68 Pegel aus Bayern -, die über lange
Beobachtungszeitreihen verfügen. Daneben wurden noch 51 Pegel mit
kürzeren Zeitreihen, d.h. mit Beobachtungsbeginn nach 1932, in die
Analyse einbezogen, so dass insgesamt die Zeitreihen von 158 Pegel
untersucht wurden.
Weiterhin wurde zusätzlich bei 52 der Pegel mit langen
Beobachtungsreihen untersucht, ob im Jahresgang der monatlichen
Höchstwerte Änderungen aufgetreten sind.
Die Ergebnisse zum Langzeitverhalten basieren auf folgenden
Datenkollektiven:
- "lange Zeitreihen": 107 Pegel mit unterschiedlichem
Beobachtungsbeginn vor 1933 und einheitlichem Beobachtungsende im Jahr
1998. Die Anzahl der Beobachtungsjahre variiert zwischen 67 und 148
Jahren.
- "Zeitreihen ab 1932": 107 Pegel mit einer einheitlichen
Jahresreihe 1932 /1998, also einer Beobachtungszeitspanne von 67
Jahren.
- "gesamte Zeitreihen": 158 Pegel mit unterschiedlichem
Beobachtungsbeginn und einheitlichem Datenende im Jahr 1998. Die
Beobachtungsdauer variiert zwischen 24 und 148 Jahren.
Die Trenduntersuchungen beinhalten eine lineare Trendschätzung nach
der Methode der kleinsten Fehlerquadrate sowie die Beurteilung der
Trendstabilität mit der Methode des rückschreitenden Trends. Die
Signifikanz der Trends wurde bewertet mit dem Test nach MANN-KENDALL.
Weiterhin ist Bestandteil der Untersuchung die "Bruchpunktanalyse
nach MANN-WHITNEY"; sie dient der Analyse des wahrscheinlichen
Zeitpunkts einer möglichen Änderung im Abflussverhalten (Abb. 1).
(zum Vergrößern anklicken)
Abb. 1: Ergebnisdarstellung der Analyse des
Langzeitverhaltens der jährlichen Höchstwerte HQ(J)
Die Analyse des Langzeitverhaltens der Höchstabflüsse erbrachte
zusammenfassend folgende Ergebnisse:
-
Das Trendverhalten der Zeitreihen der jährlichen
Scheitelabflüsse hängt von der Länge der einzelnen Zeitreihe bzw. vom
betrachteten Zeitfenster ab. Für statistisch zuverlässige Aussagen
über das Trendverhalten sind daher möglichst lange Zeitreihen
erforderlich, die mindestens 60 bis 70 Beobachtungsjahre umfassen
sollten. Liegt die Länge von Zeitreihen darunter, steigt die
Variabilität und die Streubreite des Trends deutlich an. Dabei treten
sowohl deutlich negative (abnehmende) als auch große positive
(zunehmende) Trendsteigungen auf, die aufgrund der verhältnismäßig
kurzen Zeitspannen jedoch als eher zufällig zu bewerten und daher nur
sehr eingeschränkt aussagekräftig sind.
-
Die Auswertung des rückschreitenden Trends (bezogen auf das
Ende der Beobachtungszeitreihen d.h. das Jahr 1998) zeigt bei den
meisten Pegeln ebenfalls eine deutliche Abhängigkeit der Trendaussage
vom jeweils gewählten Beobachtungsbeginn. Die Zuverlässigkeit der
Trendaussage hängt somit ganz entscheidend von der betrachteten
Zeitreihenlänge ab.
-
Die Analyse der Signifikanz des Trendverhaltens ergab, dass
die untersuchten Datenkollektive für die meisten Pegel keinen
signifikanten Trend aufweisen. Wahrscheinliche und sehr
wahrscheinliche Trends (mit einer Signifikanz nach MANN-KENDALL von α
≥ 90%) treten bei den drei untersuchten Kollektiven mit ähnlichen
Häufigkeiten (im Mittel ca. 16%) auf. Sehr wahrscheinliche Trends
(mit α > 99%) ergaben sich bei den "langen Zeitreihen"
lediglich an 6 Pegeln. Bei den beiden anderen Kollektiven waren es
jeweils 3 Pegel.
- Die Größe der signifikanten Trends wurde jeweils auf den
mittleren jährlichen Hochwasserabfluss MHQ bezogen. Sie liegt beim
Datenkollektiv "lange Zeitreihen" bei ca. 70% der Pegel (mit
einer Trendsignifikanz von α ≥ 80%) in einem Bereich zwischen 0% und
+0,75% pro Jahr. Hieraus ergibt sich eine gewisse Tendenz zu einer
Zunahme der Höchstabflüsse.
-
Die beiden anderen Datenkollektive zeigen jeweils einen größeren
Bereich der Trendsteigungen. Bei der Betrachtung "aller
Zeitreihen" ist am häufigsten (mit ca. 65% der Pegel) der
Bereich zwischen -0,25% und +0,75% pro Jahr belegt (Trendsignifikanz
von α ≥ 80%). Größere signifikante Trends mit positiven und negativen
Steigungen treten vor allem bei Pegeln auf, deren Zeitreihe
vergleichsweise kurz ist. Solchen kurzen Zeitreihen kommt jedoch
wegen der Abhängigkeit des Trends von der Beobachtungsdauer nur eine
bedingte Aussagekraft zu.
-
Die Analyse des wahrscheinlichen Zeitpunkts einer möglichen
Änderung im Abflussverhalten durch die "Bruchpunktanalyse"
ergab, dass dieser Zeitpunkt am häufigsten in dem Zeitabschnitt
zwischen 1975 und 1980 liegen könnte.
-
Der mittlere Jahresgang der monatlichen Höchstwerte scheint
Änderungen im Verhalten der Zeitreihen zu bestätigen. Die mittleren
Hochwasserabflüsse sind in der Zeit nach 1974 (gewählt als ein
Trennjahr für die Teilung der Zeitreihen) höher als in den früheren
Jahren. Diese Aussage beruht jedoch auf einer deutlich kleineren
Anzahl von 52 Pegeln, die exemplarisch ausgewählt wurden (Bsp. siehe
Abb. 2).
-
Der mittlere Jahresgang der monatlichen Höchstwerte des Abflusses
zeigt, dass die Erhöhung der mittleren Hochwasserabflüsse oftmals
nicht gleichmäßig über das Jahr vorhanden ist. Insbesondere die
Winter-Monate weisen nach 1974 auf einen Anstieg hin, während die
übrigen Monate nahezu unverändert sind. Die Ergebnisse aus der
Untersuchung der monatlichen Höchstabflüsse zeigen, dass bei der
Beurteilung des Langzeitverhaltens auch die Veränderungen des
interannuellen Verhaltens von Bedeutung ist.
(zum Vergrößern anklicken)
Abb. 2: Ergebnisdarstellung "Jahresgang monatlicher
Höchstabflüsse HQ(m)" Pegel Stein/Kocher, Trennungsjahr 1974
Die Ergebnisse der Untersuchungen sind für die Bundesländer
Baden-Württemberg und Bayern in Karten farbig dargestellt und erlauben
damit eine räumliche Beurteilung des Langzeitverhaltens. Sämtliche
Ergebnisse (Trendsteigungen und -signifikanzen sowie Bruchpunkte) zeigen
sehr gleichmäßige räumliche Verteilungen. Schwerpunkte, an denen sich
bestimmte Ergebnisse konzentrieren, sind nicht ausgeprägt vorhanden.
Ausnahme hiervon sind einige Pegel mit signifikanten Zunahmen der
jährlichen Höchstabflüsse, die sich hauptsächlich am Ostrand des
Schwarzwalds befinden.
Aufgrund der Ergebnisse lässt sich ableiten, dass eine signifikante,
insbesondere flächendeckende Veränderung der jährlichen Höchstabflüsse
von langen Zeitreihen derzeit mit den angewandten Analysenmethoden nicht
nachweisbar ist. Bei einer eingeengten Betrachtung auf die letzten 30 bis
40 Jahre wurde jedoch eine Tendenz zu einem häufigeren Auftreten von
Hochwasserereignissen und einer Zunahme der Hochwasserabflüsse in
verschiedenen Gebieten festgestellt. Diese Tendenz, die sich für einen
solchen Zeitraum statistisch als ein Trend darstellt, wird von der
Öffentlichkeit zunehmend als Gefahrenzunahme durch Hochwasser
wahrgenommen. Den Ursachen für diese jüngste Entwicklung wird in
weiterführenden Untersuchungen unter Einbeziehung der Entwicklung des
Niederschlagverhaltens nachzugehen sein. Die weitere Entwicklung des
Niederschlags- und Abflussgeschehens wird im Rahmen über des
"Integrierten Messnetzes KLIWA" aufmerksam verfolgt und
analysiert.